Jahresbericht 2016 des Präsidenten

„Für Sorgen sorgt das liebe Leben und Sorgenbrecher sind die Reben.“
(Johann Wolfgang von Goethe, West-Östlicher Divan)

Liebe Collegiatinnen und Collegiaten,

zum Ende des Jahres 2016 hoffe ich, dass es Ihnen weniger Sorgen als freudige Momente gebracht hat. Folgen wir der sogenannten öffentlichen Meinung, stehen unser Land, Europa und die Welt vor dem Zusammenbruch. Schon unser Nationaldichter Goethe schrieb über seine Deutschen: „Die Deutschen sind übrigens wunderliche Leute! Sie machen sich durch ihre tiefen Gedanken und Ideen, d ie sie überall suchen und hineinlegen, das Leben schwerer als billig.- Ei, so habt doch endlich einmal die Courage, Euch den Eindrücken hinzugeben, Euch ergötzen zu lassen, Euch rühren zu lassen, Euch erheben zu lassen, ja Euch belehren und zu etwas Großem entflammen und ermutigen zu lassen.“
Wir im Collegium Vini haben im abgelaufenen Jahr diesen Appell nach Kräften befolgt. Die Studienfahrt nach Sachsen, die „schwimmende“ Rheingau-Probe, spannende Weinverkostungen und das festliche Advents-Abendessen im Heidelberger Schloss haben unsere Lebensfreude gesteigert. Höhepunkt im Vereinsjahr war die Studienreise in das sächsische Weinanbaugebiet. Herr Uhl hat uns auf eine Gipfelwanderung durch den sächsischen Weinbau und die sächsische Gastronomie mitgenommen. Ihm stand als kundiger und sympathischer Reiseführer Martin Gräfe aus Radebeul zur Seite, der offenbar Jede und Jeden in Weinbau und Gastronomie des sächsischen Elbtals kennt. Zum Auftakt gleich ein Paukenschlag, das Weingut Klaus Zimmerling in Pillnitz. Seine Rieslinge, Grau- und Weißburgunder und Traminer aus dem Königlichen Weinberg gehören zur deutschen Spitzenklasse, meine Favoriten: Der Spätburgunder-Sekt, der 2012 Riesling VDP Große Lage und der 2003 Riesling Eiswein. Das Ganze dargeboten im stilvoll renovierten Kelterhaus mit den schlanken Skulpturen von Malgorzata Chodakowska, der Ehefrau von Klaus Zimmerling. Abends ein von Herrn Gräfe moderiertes Menü im angesagten Ein Sterne-Restaurant „Elements“ in Dresden Neustadt. Am zweiten Tag verkosteten wir die ebenfalls sehr qualitätsvollen Weine von Martin Schwarz aus besten Steillagen in Meißen und Radebeul, besonders hervorzuheben der Chardonnay 2015 aus dem Barrique, verwechslungsfähig mit einem Meursault. Nach einer Stadtführung in Meissen führte uns die sympathische und engagierte Partnerin des Winzers Tim Strasser durch die Probe im Weingut Rothes Gut Meissen auf der Höhe oberhalb der Stadt, mit Löß- und Lehmböden. Seine Grauburgunder, Scheurebe und -überraschenderweise -ein Hibernal (PIWI) wussten zu überzeugen. Dann ging es auf verschlungenen Straßen nach Zadel, dem größten und prominentesten Weingut in Sachsen, Schloss Proschwitz. Die von einem sehr kompetenten französischen Sommelier, Frederic Fourre, moderierte Probe stellte uns u.a. einen sehr gelungenen Frühburgunder-Sekt und eine rauchig würzige Riesling-Traminer-Cuvee mit schöner Rosennote vor. Das am Freitag besuchte Weingut Aust in Radebeul präsentierte schlanke und nach unserem Gusto etwas sehr säurebetonte Weißweine, die entgegen der Meinung von Weinführern nach unserem Eindruck nicht an das Niveau von Schwarz und Zimmerling heranreichen. Viel Freude hatten wir beim Essen im „Wein und Fein“ von Martin Gräfe in Radebeul. Herr Kastler schenkte uns Weine der „Gemischten Bude“ ein, einer Gruppe kleiner, hoch engagierter Winzer. Ihre Weine zeigten durchweg ein hohes Qualitätsniveau und boten Trinkgenuss. Professor Dr. Rainer Beck, von Haus aus Kunstwissenschaftler, stellte uns als Eigentümer des Weinguts Drei Herren in Radebeul dessen Weine auf der Sonnenterrasse des schönen Restaurants vor. Die zu 95 %aus Steillagen stammenden, aus zweimal selektierten Trauben gekelterten Weine gefielen auf ganzer Linie und zählen zur Gebietsspitze. Zu nennen: eine brillante 2015 Scheurebe, eine hochelegante 2012 Solarfis BA (PIWI) und eine Rotwein Cuvee „Eigensinn“ mit 80 % Cabernet Franc-Anteil, an einen Chinon erinnernd. Krönender Abschluss des Programms war ein Abendessen im Restaurant „Atelier Sanssouci“ in Radebeul mit von Martin Gräfe dazu abgestimmten Weinen. Es bleibt ein hervorragender Eindruck vom kleinen und feinen Anbaugebiet Sachsen, mit einer dynamischen Szene von Winzern und Gastronomen: jederzeit eine Reise wert. Großer Dank an Herrn Uhl für Konzeption und Durchführung dieser überaus gelungenen Fahrt.

Eine „Weinagentin“ gestaltete die erste Weinprobe im Jahr 2016: Dahinter steht das Ehepaar Curtius aus Stuttgart, beruflich mit dem Weinmarketing befasst und spezialisiert auf Weine der neuen Welt – damit berufen, uns „Australien und seine Weine“ vorzustellen. Dies gelang mit vollem Erfolg. Herrn Curtius Präsentation mit Beamer-Einsatz war höchst fachkundig, informationsreich und unterhaltsam. Die Weinauswahl widerlegte noch bestehende Vorurteile gegen die australischen
Weine: wuchtig, alkoholreich, säurearm, holzdominiert. Mitnichten! Wir probierten fein strukturierte, elegante Chardonnays in großer stilistischer Bandbreite, entsprechend den unterschiedlichen klimatischen Verhältnissen. Ebenso punkteten die Rotweine, vielleicht etwas beliebig die Cabernet Sauvignons („Allerweltsrebe“), stärker profiliert die Grenaches und Shiraz, die mit eigenständiger Stilistik auf Augenhöhe mit ihren Verwandten von der Rhone und aus Spanien stehen.

Zu seinem 65jährigen Bestehen zelebrierte das Collegium bei seiner Festlichen Weinprobe anlässlich der Mitgliederversammlung im April „Große Gewächse und ihre Geschwister“. Die – kritische – Würdigung deutscher Spitzenweine ist seit der Gründung des Collegium Vini ein Kernelement seiner Tradition. Die Probe stellte die Großen Gewächse nach der Klassifizierung des VDP denen ohne diese Klassifizierung gegenüber, solchen aus der Zeit vor Einführung der Großen Gewächse und solchen,
die heute die Klassifizierung nicht erhalten. Dies sind restsüße Weine von VDP-Winzern und trockene Weine unterhalb des Prädikats Großes Gewächs sowie Weine von nicht im VDP vertretenen Winzern. Bei der direkten Gegenüberstellung der trockenen Rieslinge eines Jahrgangs hatten die Großen Gewächse gegenüber ihren kleineren Geschwistern die Nase vorn. Sie hatten größere Fülle, mehr Länge und intensivere Aromen. Das bedeutet aber nicht automatisch mehr Trinkgenuss, da sie sättigender und weniger frisch als ihre kleineren Geschwister ausfallen. Es sind Weine zu einem gehobenen Essen und für eine langjährige Reifung. Letzteres konnten ihre Vorgänger, die Spätlesen der besten Winzer, aber auch, wie der 2007 Julius Echter-Berg Silvaner Spätlese von Dr. Wirsching im Vergleich zum 2013 Großen Gewächs aus gleicher Lage demonstrieren. Am höchsten habe ich die am Ende stehenden fünf Weine von der Mosel bewertet: Brauneberger Duffer Riesling Großes Gewächs aus 2013 und 2014, Spätlese 2014 und Auslese 2014 (alle von Fritz Haag) und das 2011 Erdener Treppchen Riesling Auslese von Dr. Hermann. Zusammenfassender Eindruck der Probe war: Es gibt keine Gleichung Großes Gewächs = Spitzenqualität. Überragende deutsche Weine gab und gibt es mit und ohne das Prädikat Großes Gewächs.

Im August ging das Collegium Vini an Bord des kleinen Rheinschiffes „St. Nikolaus I“, dem „Weltkulturerbe-Schiff des Mittelrheintals“ zur ersten schwimmenden Weinprobe, gewidmet dem Rheingau als der romantischen deutschen Weinlandschaft schlechthin. 45 Teilnehmer genossen die Rheinfahrt bei strahlender Sonne von Sankt Goarshausen nach Eltville. Markus Hebgen, ein waschechter Rheingauer, moderierte kompetent und humorvoll die von ihm zusammengestellte Probe. Indem wir an der einzelnen Weinlage vorbeifuhren, hatten wir deren Wein im Glas. Die Verkostung war eine beeindruckende Demonstration der Lagenvielfalt des Rheingauer Rieslings und seines Qualitätspotentials. Von vielen seien genannt: 2015 Bacharacher Hahn von Toni Jost, 2014 Schloss Johannisberg Grünlack Große Lage, 2015 Oestricher Lenchen Spätlese „303″ Große Lage und 2009 Hattenheimer Mannberg Auslese von Langwerth von Simmern. Ein neues „Veranstaltungsformat` des Collegium Vini, erdacht von Klaus Rössler, Chapeau!

Klassiker dagegen sind unsere Vorstellungsproben, die jedoch nicht aus der Mode kommen, wollen wir doch alle erfahren, welche guten Weine der aktuelle Jahrgang in Deutschland hervorgebracht hat. Zuverlässige Weinführer durch den Jahrgang 2015 (2014 bei Rotweinen) waren wiederum die Gebietsbeauftragten. Wenn ich meine Probennotizen anschaue, gab es keine (negative) Enttäuschung, dafür aber viele positive Eindrücke von jungen, aufstrebenden Winzern: Lisa Bunn, Nierstein; Jakob Schneider, Niederhausen/Nahe; Julia Bertram, Ahr; Kraemer, Auernhofen/Tauber; Philipps-Eckstein, Graach; Kastler-Friedland, Radebeul; Josef Ambs, Bötzingen/ Baden. Erwartungsgemäß konnten wir von den Spitzenbetrieben exzellente Weine verkosten, die aus dem Jahrgang das Beste herausholten, einige Riesling-Beispiele: Riesling auf der Mauer (Bassermann-Jordan), Oestricher Lenchen Spätlese (Jakob Kühn), Rauenthaler Baiken Spätlese Crescentic (Hess. Staatsweingüter), Erdener Herzlei Spätlese (Dr. Hermann). Das Fazit könnte lauten: 2015 ist ein Spitzenjahrgang, jedenfalls für edelsüße Rieslinge, für andere Rebsorten dann, wenn die Winzer zu hohe Alkoholgrade vermeiden konnten.

Unser festliches Abendessen im Advent „Wein und Speise“ fand diesmal in einem der größten Touristen-Hot Spots unseres Landes statt, dem Heidelberger Schloss. Würde man erwarten, dass dort ein Sterne-Restaurant ansässig ist? Auf die Schlossweinstube von Martin Scharff hat uns unser vorjähriger Gastgeberin Miltenberg aufmerksam gemacht; beide gehören zur Vereinigung der Jeunes Restaurateurs d“Europe. Und Herr Scharff hat unsere Erwartungen mit einem sternewürdigen Menü erfüllt. Ein köstlicher zarter Rehrücken ist mir besonders in Erinnerung. Herr Simon, Seniorchef des Weinguts Kassner-Simon aus Freinsheim in der Pfalz präsentierte uns dazu Weine seines Betriebs. Die Pärchen harmonierten sehr gut mit den Speisen. Lebhaft wurde darüber diskutiert, welcher Wein am besten zum jeweiligen Gericht passte. Die Weine zeigten erfreuliche Qualität, besonders eine Rieslaner Auslese und der Spätburgunder aus dem Barrique.

Nun ist mir der Jahresrückblick etwas länger geraten, aber beim Schreiben kamen mir so viele schöne Erinnerungen hoch, namentlich an die Sachsen-Reise, da mag ich nicht kürzen. 2016 ist in unserem Verein auch ein Jahr von Abschieden. Gesundheitsbedingt haben zwei herausragende Aktive des Collegiums ihren Austritt erklärt, Guy Bonnefoit und Dieter Sauer. Guy Bonnefoit hat über Jahrzehnte mit seinem einzigartigen Wissen über Weine und Gastronomie das Collegium zu dem gemacht, was es heute ist, einem Kreis von Weinliebhabern mit sensiblem Gespür für Weinqualität, die Verbindung von Wein und Speise und mit der Fähigkeit, sensorische Empfindungen mit Sprache auszudrücken. Seine Studienfahrten nach Frankreich sind legendär, ebenso seine gastrosophischen Veranstaltungen in der Jahrhunderthalle. Dieter Sauer hat als Präsident über viele Jahre das Collegium Vini mit Autorität, Umsicht und klarer Strategie erfolgreich geführt. Er hat nicht darin nachgelassen, das kulturelle Element unserer Vereinsarbeit hochzuhalten. Die Vorstellung einer beliebigen Zechgemeinschaft war ihm ein Graus. Großartige Abende verbinden sich mit seiner Person: Mythos Wein mit Meinhard lirewenig, unsere Jubiläumsfeier zum 50sten in der Alten Oper, Österreich-Proben u.v.m. Horst Dietzel legt zum Jahresende sein langjährig ausgeübtes Amt als Koordinator einer der Vorstellungsproben nieder. Deren Dauererfolg darf er sich zugute schreiben, dank kluger Probenkomposition und wissensreicher Moderation. Erhalten bleibt er uns als Gebietsbeauftragter für den Mittelrhein.
Unser langjähriger früherer Präsident Dr. Jochen Bauke legt sein Amt als Gebietsbeauftragter für die Mosel nieder. Als profunder Weinkenner und begnadeter Rhetoriker hat er sich hohes Ansehen unter den Collegiaten erworben. Wir freuen uns, dass er uns als Verkoster und Diskutant erhalten bleibt. Allen vier verdienten Aktiven spreche ich hiermit meinen herzlichen Dank aus und hoffe, dass sie auch künftig in Verbindung mit uns bleiben.
Es freut mich, hier auch über Zugänge im Führungskreis des Collegium Vini berichten zu können: Dr. Ulrich Wanner-Laufer verstärkt und verjüngt unseren Vorstand. Dr. Peter Beck übernimmt das Anbaugebiet Rheinhessen, Wilhelm Josef Thiel das Anbaugebiet Mosel und Simon Sachs (nach spontaner Akklamation in der Mitgliederversammlung!) das Amt des Koordinators einer der Vorstellungsproben. Diese Beispiele mögen Schule bei den Collegiatinnen und Collegiaten machen!
Mein Dank gilt allen, die im Berichtsjahr zum Erfolg unserer Vereinsarbeit beigetragen haben und unseren Mitgliedern, die in erfreulichem Maße die Veranstaltungen besucht haben.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen Gesundheit und Glück für 2017 und natürlich viel, wenn auch maßvollen Weingenuss, auch und vor allem im Collegium Vini!
Mit den besten Grüßen
Ihr
gez. Dr. Klaus Schubäus
Präsident

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