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Portugalprobe des Collegium Vini am 11.2.2026

Die „Großartige Portugalprobe“

Am 11. Februar durften wir uns im Collegium Vini durch 21 hervorragend kuratierte Positionen probieren, die von der kühlen Atlantikküste bis tief in das Douro-Tal führten. Dr. Peter Hilgard schildert seinen persönlichen Rückblick auf einen facettenreichen Abend.


Mein Blick auf die Portugalprobe

Die „Große Portugalprobe“ am 11.02.2026 im Parkhotel am Taunus in Oberursel offenbarte aus meiner Sicht zwei Highlights: Zum einen war da die großartige Auswahl eines Querschnittes der gegenwärtigen portugiesischen Weinkultur und zum anderen war die Präsentation sowohl von der Didaktik als auch vom Informationsgehalt schlichtweg beispielhaft. HaJo Kraus und Burkhard Vieth ist es gelungen auf der Projektionsleinwand und in Worten die relevantesten Fakten zu Land, Winzern und Weinen konzise mitzuteilen. Es ist nicht meine Absicht an dieser Stelle eine Zusammenfassung der ausgesprochen gelungenen Veranstaltung zu geben, sondern ich beschränke mich auf einige ganz persönliche Eindrücke. Die schier unendlich vielen Kleinklimazonen und Böden auf sehr engem Raum sorgen offensichtlich für eine enorme Bandbreite an Weinstilen. Bereits meine erste Erkenntnis bei der Probe nämlich, dass Portugal auch ein ernstzunehmendes Weißweinland ist, kam für mich überraschend. Aus einer Vielzahl autochthoner Sorten wurden Cuvées zusammengestellt, die an Frische und eigenständiger Aromatik ihresgleichen suchen. Ein ähnliches Bild boten auch die Rotweine: Rebsorten, deren Name einem mitteleuropäischen Weinfreund kaum bekannt sein dürften, werden zu saftigen und geschmackvollen Coupagen verschnitten, die teilweise im Holz ausgebaut, trotz sehr individueller Stilistik, jedem internationalem Vergleich standhalten. Es wirkte geradezu wie eine Befreiung einmal eine ganze Probe lang keinen Cabernet Sauvignon oder Merlot am Gaumen zu spüren.

Wenn ich zwei Weine auszusuchen hätte, denen ich meinen Favoritentitel geben müsste, lande ich erstaunlicherweise bei den beiden einzigen reinsortigen Tropfen der Probe, dem weißen „Alvarinho Moncao e Melgaco 2024“, der im Vergleich zu seinen verwandten Albariños aus dem benachbarten Galicien unbeschreiblich feingliedrig und zart anmutete. Als Rotwein punktete bei mir besonders der tiefrote „A Touriga Vai Nua Signature Series 2022“ mit seinem intensiven Waldbeeren-Aroma und einer wunderbar balancierten Struktur, bei der das Zusammenspiel von Tannin und Säure mir außerordentlich harmonisch erschien. Großartig war auch der Abschluss der Probe mit zwei Portweinklassikern: einem „Late Bottled Vintage Port 2020“ und einem „10 Years Old Tawny Port“. Ich verspürte ein wenig Wehmut bei dem Gedanken an einen traditionellen, zartsüßen Madera Reserve, der in diese Runde vermutlich auch ganz hervorragend gepasst hätte.

Ganz großen Dank den beiden Organisatoren dieser denkwürdigen Weinprobe!

Peter Hilgard


Vielen Dank, lieber Peter, für Deine Eindrücke.

Ich ergänze noch ein paar meiner Eindrücke:
Spritzig und selbstbewusst der Agua Viva Espumante Baga Zero Dosage 2019 von Niepoort. Ein Statement-Sekt zum Auftakt.
Im Laufe des Abends kam die Frage auf: Warum gibt es so viele Cuvées? Die Antwort liegt in der portugiesischen Tradition des Gemischten Satzes. In alten Weinbergen wurden die Rebsorten nicht getrennt, sondern bunt gemischt gepflanzt und auch gemeinsam geerntet und vergoren. Das sorgt für eine natürliche Komplexität, die man heute wieder sehr schätzt. Ein Paradebeispiel hierfür war die Nummer 10, der Guru White 2023 von Pintas. Ein fantastischer Wein! Er stammt von Kalksteinböden, wird von Hand gelesen und reift 12 Monate in gebrauchten Barriques. Das Ergebnis: Ein „Cool Climate“-Stil mit enormer Präzision und Tiefe.

Unsere Nummer 14 („A Touriga Vai Nua Signature Series 2022„) und Nummer 17 („É Sousão ou será Vinhão“) ließen mich zu einem Fan des Weinmachers António Maçanita werden. Bei der Nummer 14, dem „A Touriga Vai Nua“ (wörtlich: Die Touriga geht nackt), fiel der Hinweis: „Der König geht nackt“. Was bedeutet das?
Die Redewendung „O rei vai nu“ ist in Portugal sehr bekannt. Es ist dort genauso wie in Deutschland eine direkte Anspielung auf das Märchen von Hans Christian Andersen. In dem Märchen geht es darum, dass alle so tun, als sähen sie die prächtigen neuen Kleider des Kaisers, obwohl er eigentlich nackt ist – bis ein Kind die Wahrheit ausspricht. In Portugal ist das Märchen besonders bekannt durch eine sehr berühmte Nacherzählung des großen portugiesischen Schriftstellers José Maria Eça de Queiroz. Er hat die Geschichte im 19. Jahrhundert adaptiert, weshalb die Metapher vom „nackten König“ im kulturellen Gedächtnis der Portugiesen fast noch fester verankert ist als bei uns. Man nutzt sie, um Heuchelei oder das künstliche Aufblasen von Belanglosigkeiten zu entlarven. Es gibt in Lissabon sogar eine Statue des Schriftstellers mit der „nackten Wahrheit“.
Bei dem Wein „A Touriga Vai Nua“ ist es ein bewusstes Spiel mit diesem Bild. Der „König“ ist die Rebsorte: Die Touriga Nacional gilt als die unangefochtene „Königin“ oder der „König“ der portugiesischen Rebsorten. Sie ist normalerweise die Basis für die teuersten, kräftigsten und am längsten im Holz gereiften Weine des Landes. Die „Kleider“ sind das Holzfass: Das Holz gibt dem Wein Struktur, Vanillenoten, Tannine und ein gewisses Prestige – es „kleidet“ ihn ein. Die Wahrheit (Die Nacktheit): Wenn es heißt „Der König geht nackt“, meint der Winzer (Antonio Maçanita): „Ich lasse die prunkvollen Kleider (das Holz) weg.“ Der Wein wird ausschließlich im Edelstahltank ausgebaut. Er will zeigen, dass die Rebsorte so gut ist, dass sie keine „teuren Kleider“ braucht, um zu glänzen. Während im Märchen die Nacktheit eine Peinlichkeit ist, ist sie hier ein Qualitätsbeweis. Er demaskiert den Wein, um seine wahre, unverfälschte Frucht und Eleganz zu zeigen, man schmeckt die reine Frucht (Floralität, Veilchen, dunkle Beeren) ohne die üblichen Röstnoten von Eiche.
Ich mag diesen Humor – und diesen Wein!
Ebenso den „É Sousão ou será Vinhão“. Dieser Wein wird unter dem Label Maçanita Vinhos (ein Gemeinschaftsprojekt mit seiner Schwester Joana) im Douro-Tal produziert. Antonio Macanita ist berühmt dafür, fast vergessene oder schwierige Rebsorten (wie eben Sousão) neu zu interpretieren. Hier fanden wir eine faszinierende salzige Mineralität von 50 Jahre alten Reben, die durch neues Barrique perfekt eingefasst wurde. Ein sehr spannendes Projekt!

Das Finale: Die Königsklasse

Zum Abschluss tauchten wir in die Geschichte ein. Der Marques de Pombal, der einst das Douro-Gebiet als erste geschützte Weinregion der Welt definierte, war gedanklich präsent, als wir zum Portwein kamen und zwei gegensätzliche Philosophien verglichwen.

Late Botteld Vintage (LBV) Port 2020: Die „Ruby-Stilistik“ – jung, fruchtbetont, mit Noten von Marzipan und dunkler Schokolade. Ein Wein, der reduktiv (ohne Sauerstoffkontakt) ausgebaut wurde, um seine tiefrote Farbe und jugendliche Frucht zu bewahren. Im Glas hatten wir intensive Noten von dunklen Beeren und Marzipan.
Die Hierarchie innerhalb der Ruby-Welt:
Standard Ruby: Die einfachste Form, jung und unkompliziert.
Ruby Reserve: Eine Selektion besserer Qualitäten, oft etwas strukturierter.
Late Bottled Vintage (LBV): Er ist quasi der „kleine Bruder“ des Vintage Ports. Er stammt aus einem einzigen Jahrgang und lagert 4 bis 6 Jahre im großen Fass, bevor er gefüllt wird. Er bietet bereits viel von der Tiefe eines echten Vintage Ports, ist aber sofort trinkreif.
Vintage Port: Die absolute Spitze. Nur in den besten Jahren deklariert, reift er nur kurz im Fass und dann jahrzehntelang in der Flasche.
10 Years Old Tawny: Im Gegensatz zum LBV ist dieser Wein fassgelagert und oxidativ gereift. Wichtig zu wissen: Ein Tawny verbessert sich nach der Abfüllung in der Flasche nicht mehr – er ist trinkreif, sobald er auf den Markt kommt. Man unterscheidet hier meist drei Qualitätsstufen: Standard, Reserve und die hochwertigen Colheitas bzw. Tawnies mit Altersangabe (10, 20, 30, 40 Jahre).

Fazit: Eine „großartige“ Probe, die gezeigt hat, dass Portugal jenseits der Klassiker eine enorme Dynamik und Terroir-Vielfalt besitzt. Ein großes Danke an Burkhard und Hajo für diesen tiefen Einblick!

Saúde!

Klaus Rössler

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