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Wein und Zeit (Dall-E)

Was der Wein von der Zeit weiß

Warum wir eine Vertikalprobe machen (am 22.4.!)

Zeit ist im Wein kein Zusatz, kein Reifungsbonus, kein romantisches Versprechen.
Zeit ist Bedingung.

Man kann sie beschleunigen, kaschieren, technisch simulieren – aber nicht ersetzen. Und genau darin liegt der Grund, warum der Wein, der heute am schnellsten gefallen will, morgen oft nichts mehr zu sagen hat.

Die gegenwärtige Weinkrise wird gern mit Zahlen beschrieben: sinkender Konsum, volle Lager, veränderte Trinkgewohnheiten. Doch diese Erklärungen greifen zu kurz. Die eigentliche Krise ist eine andere: die Krise der Zeit im Wein.


Der Verlust der Dauer

Was im Markt funktioniert, ist zunehmend das Kurzlebige. Weine werden auf unmittelbare Zugänglichkeit getrimmt, auf frühe Harmonie, auf schnelle Verständlichkeit. Sie sind fehlerfrei, sauber, korrekt – und erschöpfen sich genau darin. Ihre Aussage reicht selten über den Moment hinaus, in dem sie geöffnet werden.

Der klassische Riesling, insbesondere im Rheingau, war einmal anders gedacht. Nicht als Getränk für den Augenblick, sondern als Begleiter durch Zeit. Seine Qualität zeigte sich nicht primär in der ersten Probe, sondern in der Entwicklung: im Abbau, im Umbau, im langsamen Herausarbeiten von Spannung und Tiefe.

Wo diese Zeit fehlt, entsteht jener „Allerweltswein“, der alles richtig macht – und dennoch nichts hinterlässt.


Zeit als Prüfstein

Eine Vertikalprobe ist deshalb kein nostalgisches Ritual und keine Liebhaberei für Eingeweihte. Sie ist ein Prüfverfahren. Kein analytisches, sondern ein existenzielles.

Gleicher Erzeuger, gleiche Herkunft, gleiche Idee – unterschiedliche Jahre. Die Zeit wirkt dabei nicht als milder Filter, sondern als unerbittlicher Richter. Was nur auf Frucht, Technik oder Marktlogik gebaut ist, verliert an Kontur. Was Substanz besitzt, beginnt zu sprechen.

In der Vertikalen zeigt sich, ob ein Wein eine innere Ordnung hat. Ob er Veränderung aushält. Ob er reifen kann, ohne zu zerfallen. Oder ob er, kaum dem jugendlichen Überschwang entwachsen, verstummt.

Zeit ist hier kein romantisches Versprechen, sondern ein Belastungstest.


Wein als soziale Praxis

Das Collegium Vini versteht Wein nicht als Produkt mit Eigenschaften, sondern als kulturelle Praxis. Wein entfaltet seinen Sinn nicht im Punktesystem, nicht in der Primärfrucht, nicht im schnellen Urteil – sondern im Gespräch, im Vergleich, im gemeinsamen Erinnern.

Eine Vertikalprobe ist deshalb immer auch eine Übung im Zuhören. Nicht nur dem Wein gegenüber, sondern der Zeit selbst. Man spricht nicht über „besser“ oder „schlechter“, sondern über Entwicklung, Brüche, Kontinuitäten. Über das, was bleibt, wenn das Spektakuläre vergangen ist.

So entsteht Bedeutung nicht durch Erklärung, sondern durch Erfahrung. Nicht durch Bewertung, sondern durch Wiederbegegnung.


Gegen die Beschleunigung

In einer Gegenwart, die auf Sofortigkeit getaktet ist, wirkt die Vertikalprobe beinahe widerständig. Sie verweigert sich dem schnellen Konsum. Sie setzt Geduld voraus – und belohnt sie nicht mit Gewissheiten, sondern mit Erkenntnis.

Denn nicht jeder Jahrgang trägt die Zeit gleich gut. Nicht jede Entscheidung im Weinberg oder Keller bewährt sich im Rückblick. Gerade darin liegt der Wert dieser Form der Verkostung: Sie macht sichtbar, dass Qualität nicht planbar, sondern nur verantwortbar ist.

Und sie erinnert daran, dass Herkunft mehr ist als ein Name auf dem Etikett. Herkunft zeigt sich erst, wenn man ihr Zeit lässt.


Warum wir das tun

Wir veranstalten eine Vertikalprobe, weil wir glauben, dass Wein seine Würde aus der Dauer bezieht. Weil wir überzeugt sind, dass man das Wesen einer Rebsorte, einer Lage, einer Handschrift nur versteht, wenn man sie über Jahre hinweg betrachtet. Und weil wir dem kurzatmigen Geschmack der Gegenwart eine andere Erfahrung entgegensetzen wollen.

Eine, die nicht laut ist.
Nicht effizient.
Nicht sofort verständlich.

Sondern eine, die bleibt.

Das Collegium Vini ist ein Ort für diese Form der Auseinandersetzung. Hier wird Wein nicht erklärt, sondern besprochen. Nicht beschleunigt, sondern befragt. Und manchmal auch infrage gestellt.

Denn nur was Zeit hatte, verdient es, ernst genommen zu werden.

Klaus Rössler, Präsident

Gibt es noch Vorschläge zur Vertikalprobe? Schaut doch mal in eure Keller! Gesucht werden zwei bis drei Jahrgänge eines Weins mit jeweils 2 Flaschen.

Mitgliederversammlung am 22.4.26 um 18 Uhr im Parkhotel am Taunus, Oberursel
anschließend Vertikalprobe 22.4.26 um 19 Uhr

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