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Vertikalprobe des Collegium Vini - Was der Wein von der Zeit weiß - am 22.4.2026 (Foto: Klaus Rössler)

Relativitätstheorie des Weins – Was der Wein von der Zeit wusste

Wein. Zeit. Einordnung.
Im Gespräch. Jenseits von Punkten.

Wir verkosten nicht, um zu bewerten, sondern um einzuordnen. Was zählt, entsteht im Gespräch – aus der Zeit am Tisch und der Zeit im Wein.

Die Einladung zur diesjährigen Vertikalprobe des Collegium Vini trug den Titel:
„Was der Wein von der Zeit weiß.“
Nach diesem Abend lässt sich sagen: Die eigentliche Frage war vielleicht eine andere.

Nicht nur, was der Wein von der Zeit weiß. Sondern auch, was Zeit mit Menschen macht, wenn sie gemeinsam Wein trinken.

An Tischen mit kleinen Achtergruppen wurde über drei Stunden hinweg verkostet, gesprochen, gelacht und erinnert. Nicht hektisch, nicht analytisch im üblichen Sinn, sondern aufmerksam. Man musste mitunter ans Glas klopfen, um sich Gehör zu verschaffen. Denn fast jeder Wein führte zu Gesprächen, die weit über den Wein hinausgingen. Das ist im Collegium Vini nichts Ungewöhnliches.

Schon zu Beginn stand eine These im Raum: Wenn man alle Variablen außer der Zeit eliminiert, vorausgesetzt, der Winzer hat weder seine Philosophie noch die grundlegende Stilistik verändert, beginnt Wein, etwas sichtbar zu machen, das sich einer schnellen Bewertung entzieht. Nicht jeder war sofort einverstanden. Gerade deshalb wurde intensiv diskutiert.
Und genau darum ging es.
Nicht darum, welcher Wein „besser“ war. Sondern darum, wie Zeit sich zeigt. Im Wein. Im Gespräch. In der Erinnerung.

Vertikalprobe des Collegium Vini - Was der Wein von der Zeit weiß - am 22.4.2026 (Foto: Klaus Rössler)
Vertikalprobe des Collegium Vini – Was der Wein von der Zeit weiß – am 22.4.2026 (Foto: Klaus Rössler)

Die Probe selbst war nur möglich, weil Mitglieder des Collegium Vini ihre Keller geöffnet oder ihre Beziehungen zu herausragenden Winzern haben spielen lassen. Jupp Thiel stellte etwa Erdener Treppchen aus den Jahren 1990, 1997 und 2001 als Spende zur Verfügung – Weine, die nicht einfach nur gereift waren, sondern Geschichten mitgebracht hatten.
Plötzlich war 1997 wieder da. Die Geburt eines Enkels. Fußball. Politik. Persönliche Erinnerungen. Die Jahrgänge wurden zu mehr als Daten auf einem Etikett. Sie wurden zu Orientierungspunkten gelebter Zeit. Zudem wurde festgestellt: Je älter das Mitglied des Collegium Vini, desto trockener der Humor.

Der direkte Vergleich zwischen dem Mas Martinet 2015 aus der klassischen Flasche und derselben Abfüllung aus der Magnum wirkte fast wie eine kleine Relativitätstheorie des Weins. Gleicher Jahrgang, gleicher Wein, gleiche Jahre – und doch schien die Zeit unterschiedlich vergangen zu sein. Die Magnum wirkte jünger, frischer, beinahe ungeduldig. Vielleicht war die Magnumprobe die eigentliche Lektion des Abends: Selbst im selben Wein vergeht Zeit nicht identisch.

Auch das Brunnenhäuschen sorgte für Überraschung. Über mehrere Jahrgänge hinweg blieb die Handschrift des Winzers klar erkennbar: keine laute Opulenz, keine plakative Frucht, sondern Ruhe, Spannung und Präzision. Nicht der Jahrgang drängte sich in den Vordergrund, sondern eine Haltung, die die Zeit überdauerte.

Und dann war da noch das „Petrol“.
Kaum war bei einem gereiften Riesling vorsichtig von einer leichten Petrolnote die Rede, schien sie plötzlich überall aufzutauchen. Nicht nur bei anderen Rieslingen. Sogar bei Weinen, bei denen sie kaum zu erwarten gewesen wäre. Der Abend zeigte auch, wie sehr Wahrnehmung im Gespräch entsteht. Wie wir gemeinsam einordnen, was wir schmecken – und manchmal vielleicht auch erst schmecken, weil andere Worte dafür gefunden haben.

Wie eigentlich immer, haben wir an diesem Abend nicht über Punkte gesprochen – und fast gar nicht über Preise, die ich diesmal bewusst nicht in der Probenliste aufgeführt hatte. Stattdessen ging es um Unterschiede, Entwicklungen, Erinnerungen, Haltungen. Darüber, warum ein Wein stiller wirkt als früher. Warum ein anderer seine Jugend bewahrt hat. Warum manche Weine altern wie Menschen: nicht einfach nur besser oder schlechter, sondern anders.

Selbst Gäste, die beruflich täglich mit Sprache, Kultur und öffentlicher Einordnung zu tun haben, zeigten sich überrascht darüber, wie im Collegium Vini über Wein gesprochen wird. Nicht als Statusobjekt, nicht als Wettbewerb, sondern als Anlass zum gemeinsamen Verstehen.

Genau darin liegt das Besondere solcher Abende mit dem Collegium Vini.
Große Weine erzählen nicht nur von Herkunft und Jahrgang. Sie speichern Zeit. Und manchmal genügt ein Glas, damit Menschen beginnen, sich nicht nur an Wein zu erinnern, sondern an ihr eigenes Leben.

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