Der Jahreswechsel ist einer jener seltenen Momente, in denen Zeit nicht einfach vergeht, sondern bewusst markiert wird. Wir halten inne, zählen herunter, stoßen an. Ein Glas wird erhoben, fast immer mit Wein oder Schaumwein. Nicht aus Zufall, sondern aus Tradition.
Denn Wein ist kein neutrales Getränk. Er ist gespeicherte Zeit.
Warum wir an Silvester anstoßen
Rituale sind kulturelle Abkürzungen. Sie erlauben uns, große Bedeutungen mit kleinen Gesten zu verbinden. Das Anstoßen zum Jahreswechsel verdichtet Hoffnung, Abschied und Erwartung in einer einzigen Bewegung: heben, berühren, trinken.
Wein eignet sich dafür besonders:
- Er ist Ergebnis eines Jahres – von Witterung, Geduld, Entscheidungen.
- Er trägt Herkunft in sich – Boden, Klima, Kultur.
- Er verlangt Aufmerksamkeit – im Riechen, Schmecken, Verweilen.
Ein Glas Wein ist damit nie nur Gegenwart. Es ist Vergangenheit, die jetzt Sinn ergibt, und Zukunft, die noch offen ist.
Die Bildsprache des Feierns
Das gezeigte Motiv, farbige Gläser, Flaschen, Symbole, erinnert daran, dass Wein nicht nur Genussmittel, sondern kulturelles Zeichen ist. Kelchformen, Farben, Sterne, Kreise: Alles spricht von Vielfalt und Wiederholung, von Ordnung und Spiel.
Gerade zum Jahreswechsel zeigt sich diese Ambivalenz:
- Wir folgen festen Abläufen (Uhrzeit, Countdown, Toast),
- und erlauben uns gleichzeitig Überschwang, Lachen, Unordnung.
Wein bewegt sich genau zwischen diesen Polen. Er ist geregelt (Herkunft, Stil, Reife), aber nie vollständig kontrollierbar. Vielleicht macht ihn das zum idealen Begleiter für einen Moment, in dem wir Pläne fassen, wissend, dass nicht alles planbar ist.
Ein gutes neues Jahr – was heißt das eigentlich?
„Happy New Year“ ist schnell gesagt. Doch ein gutes Jahr beginnt selten laut. Oft beginnt es still:
- mit einem bewussten Schluck,
- einem Gespräch ohne Eile,
- einem Moment echter Präsenz.
Weinkultur im besten Sinne bedeutet nicht Optimierung, sondern Vertiefung. Nicht mehr, sondern genauer. Nicht schneller, sondern aufmerksamer.
Ein Gedanke zum Mitnehmen
Vielleicht lohnt es sich, den ersten Wein des Jahres nicht beiläufig zu trinken. Sondern als kleine Übung:
- Woher kommt er?
- Warum gerade dieser?
- Was wünsche ich mir nicht nur für das Jahr, sondern von ihm?
Das neue Jahr beginnt nicht um Mitternacht.
Es beginnt dort, wo wir ihm Bedeutung geben.
In diesem Sinne:
Auf ein Jahr mit Tiefe, Maß und Neugier.
Klaus Rössler

Die Neujahrsgrüße unseres Präsidenten habe ich mit großer Freude gelesen. Das Verständnis und die Begeisterung für unsere Weinkultur hat gerade in den heutigen Tagen viel Bedeutung, denn sie wird von den Anti-Hedonisten in den Gesundheitsbehörden ernsthaft angezweifelt. Noch bestimmen wir selbst über unseren Genuss und unsere Freuden und da werden Bekenntnisse wie die des Präsidenten sicher von allen Mitgliedern das Collegium vini mitgetragen!
Die vorletzten Zeilen der Mitteilung „Das neue Jahr beginnt nicht um Mitternacht. Es beginnt dort, wo wir ihm Bedeutung geben.“ stellen in meinem Verständnis die gesamten Neujahrsfeiern zu Recht infrage, denn wenn ich jedem Moment meines Lebens die ihm angemessene Bedeutung gebe, kann es ja in einer Mitternachtsstunde des Kalenders nicht auf einmal mehr sein. Haben wir verlernt, die Inhalte unseres Lebens in jedem Augenblick entsprechend zu gewichten, dass wir zusätzliche Tage der Besinnung benötigen?
Peter Hilgard
Herzlichen Dank, lieber Peter, für Deinen Kommentar. Das neue Jahr beginnt für das Collegium Vini am 11.2. mit der Weinprobe Portugal!