Weinimpressionen aus dem Elbtal

Die von unserem Mitstreiter Wolfgang Uhl organisierte Weinreise an die Elbe war aus meiner Sicht ein voller Erfolg und ich möchte an dieser Stelle ein paar sehr persönliche Highlights erwähnen, die selbstverständlich keinerlei Anspruch auf Objektivität haben können und wollen.

Die spezifische Geschichte Sachsens hat bekanntermaßen zu dem heute üblichen kleinparzelligen Weinbau geführt. Kein Wunder, dass sich sehr viele Individualisten und Quereinsteiger in dieser Region als Winzer betätigen. Einer von ihnen ist der Franzose Frédéric Fourré, den die Liebe zum Kleinen und Individuellen so erfüllt, dass es ihm nicht ausreicht zu betonen, dass er aus Paris kommt sondern er stolz verkündet, dass seine Heimat am Place de Clichy ist. Durch diesen Hinweis wurde ich unweigerlich an Henry Millers skandalumwitterten, autobiographischen Roman „Quiet days in Clichy“ (Stille Tage in Clichy) erinnert und der erste Schluck den ich von einem Fourré-Wein getrunken habe war tatsächlich ein außerordentlich sinnliches Erlebnis, eines Henry Miller durchaus würdig. Es war die Grauburgunder-Riesling Cuvée namens „Chéri“. Die klangliche Nähe zum Sherry war natürlich gewollt, denn der Wein wurde ganz bewusst oxydativ ausgebaut und erinnerte in der Nase und am Gaumen sehr an einen tiefgründigen Amontillado. Ungewöhnlich aber genussvoll und als Aperitif ein grandioser Appetitanreger!

Andere Schöpfungen des rührigen Franzosen waren der „Chimäre de Saxe“, in dem er einen Grauburgunder mit einem weiß gekelterten Spätburgunder vermählt hat. So einen Wein kann man eigentlich gar nicht in Verkehr bringen, denn Moste aus roten und weißen Trauben dürfen, laut Weingesetz, nicht miteinander verschnitten werden. Dass dieser Wein dennoch existiert ist nicht nur ein großes Glück für den Genießer sondern auch ein Hinweis auf die bewundernswerte Sorglosigkeit und Pfiffigkeit des Winzers. Noch ein Wein aus dem Schaffensbereich des Frédéric Fourré verdient hohes Lob: der wunderbare Essensbegleiter „Tu les Merites 2015“, eine Cuvée aus vier verschiedenen Weißweinen. Keine der verwandten Sorten war geschmacklich eindeutig zu erkennen sondern es war ein neuer, spannender Wein entstanden. Wer nach dem Genuss dieses Weins noch an dem Potential einer mit Vernunft und Herzblut zusammengestellten Mischung von verschiedenen Rebsorten zweifelt, kann nur ein unverbesserlicher Dogmatiker sein.

Ein wirklicher Quereinsteiger in Sachen Wein ist Bernd Kastler, der zusammen mit dem waschechten Sachsen Enrico Friedland, sehr bemerkenswerte Weine herstellt. Der Jurist Dr. Bernd Kastler war im Vorstand einer Frankfurter Pharmafirma, bevor ihn die Liebe zum Wein ins Elbtal brachte. Er und sein Partner besitzen Parzellen in Radebeuler Toplagen wie dem Johannisberg oder dem Goldenen Wagen bzw. dem Steinrücken. Seine Weine sind in einer bestimmten Weise sehr typisch sächsisch: feingliedrig, elegant und manchmal äußerst zart und beinahe zerbrechlich. Sein reinsortiger Sylvaner 2015, eine absolute Rarität in dieser Gegend, zeigt es: er schwebt wie eine duftende Fee über den Gaumen und hinterlässt in der Seele ein Lächeln. Ein Wein der tatsächlich glücklich macht. Einen Kontrapunkt stellt sein Weissburgunder 2015 dar, dieser ist deutlich kräftiger und hat, neben Birne und Pfirsich ganz zarte Holznoten, aber auch er ist in seiner Struktur ein sehr feiner Sachse!

Es gäbe noch unendlich viel zu berichten aus diesem schönen deutschen Weinland, wo sich einige junge Winzer, einschließlich der beiden oben genannten, in einem losen Verbund zusammengefunden haben. Unter dem Namen „Die gemischte Bude“ unterstützen sie sich gegenseitig, diskutieren und verkosten miteinander. Matthias Gräfe, sachkundiger Besitzer eines Weinladens in Radebeul ist der Spiritus rector der Gruppe. Ich habe mit ihm in den Weinbergen an einer Wegkreuzung gestanden und buchstäblich jeder, der an diesem Samstag Morgen vorbeikam (und das waren, weiß Gott, nicht wenige) begrüßte ihn und hielt ein kurzes Schwätzchen. Die „Bude“ hätte keinen besseren PR-Manager finden können! Alles in allem: das Elbtal ist aus Sicht des Weinfreundes eine Reise wert und so großartige Städte wie Dresden und Meißen steuern Kunst und Kultur in Hülle und Fülle dazu bei.

 

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