Wie rot muß Rotwein eigentlich sein?

Bei der zweiten Veranstaltung am 12.11.14 der Jahrgangsprobe wurden zwei Weine von der Ahr vorgestellt: der 2012er Pinot Noir vom Weingut Josten & Klein sowie der 2011er Spätburgunder „J“ vom Weingut Jean Stodden. Beide hatten ein sehr schönes Kirschbukett und zarte Frucht am Gaumen, ihre Farbe war relativ blass und auch von Gerbsäure spürte man eher wenig. Da habe ich mir die Frage erlaubt, ob man derartige Kreszenzen mit gutem Gewissen „Rotwein“ nennen dürfe. Ein Sturm der Entrüstung gab mir eine eindeutige Antwort: wer diese wunderbar filigranen und zarten Tropfen nicht zu schätzen weiß, ist ein totaler Ignorant in Sachen Rotwein. Ich meine, dass sich deutsche Winzer und Weinfreunde nicht zu schämen brauchen, wenn ihre Rotweine aus klimatischen Gründen nicht die Farbe und Aromenintensität ihrer südlichen Nachbarn in die Flasche bringen, sie haben andere Vorzüge. Auch in Bordeaux gibt es derartige Weine, die unter dem Namen „Clairet“ viele Freunde finden und sogar ihre eigene D.O.C. besitzen. Häufig werden sie aus dem Merlot gekeltert, liegen etwas länger als die üblichen Rosés auf der Maische, was ihre dunklere Farbe erklärt.

Die „clairets“ (vom lateinischen „vinum clarum“) haben eine lange Geschichte, die ins 12. Jahrhundert, nämlich in die Zeit als Bordeaux zur englischen Monarchie gehörte, reicht. Damals war dieser Weintyp geradezu ein Markenzeichen von Bordeaux, was dazu führte, dass noch heute der klassische, tief dunkle Bordeaux-Wein im Vereinigten Königreich als „claret“ bezeichnet wird. Auch in der spanischen Rioja, die ja erst richtig zu Ruhm gelangte, als die Reblaus die Rebgärten an der Gironde zerstört hatte, gab es bis vor kurzem einen Weintyp den man „clarete“ nannte und dessen Charakteristikum eine kürzere Maischestandzeit war. Auch in Deutschland sprach man im vorletzten Jahrhundert gelegentlich von einem „Klarettwein“, wenn man die helle Bordeaux-Variante meinte.

Was wäre denn so schlimm, wenn wir wieder den Begriff des „Klarett“ aufleben ließen um Weine wie die beschriebenen von der Ahr oder auch andere, wie z.B. den Trollinger damit zu charakterisieren? Auch so mancher, intensiv gefärbte Rosé aus südeuropäischen Gefilden könnte in diese Kategorie passen. Der Klarett wäre eine Klasse für sich: Helles rot mit einem zarten Tanninfonds und selbstverständlich ohne Barriqueausbau, dafür aber in reichem Maße mit der jeweils sortentypischen Frucht versehen; kurzum charmante und attraktive Weine wie die beiden von der Ahr, die mich zu diesen Ausführungen animiert haben.

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